Mentoring-Kongress 2015

Am 18. April 2015 trafen sich in den Räumen der Freien evangelischen Gemeinde Marburg mehr als 100 Mentor/innen und Interessierte zum bislang 2. Mentoring-Kongress, um neue Impulse zu empfangen und sich zu vernetzen.

In neun Workshops/Seminaren und zwei Referaten wurde die ganze Bandbreite des Themas Mentoring deutlich. So stellte z.B. Thorsten Riewesell das Modell „MENSCH – Mentoring für Schüler“ vor, das bereits von der Konrad Adenauer Stiftung mit dem Bernhard-Vogel Bildungspreis ausgezeichnet wurde. „Die Nachfrage von Schulen ist so groß, dass wir gar nicht alle Anfragen bedienen können. Hier haben die christlichen Gemeinden ein gute Möglichkeit sich in benachteiligte Kinder und Jugendliche zu investieren und relevant für ihren Ort zu werden“, so Thorsten Riewesell.

Leuten helfen Tore zu schießen

„Hirngespinste: Charakterentwicklung in der Mentoringbeziehung“, so lautete der Eröffnungsvortrag von Monika Bylitza, Buchautorin und gefragte Rednerin. Sie zeigte die neurologischen Grundlagen von Verhaltensänderungen auf und die Rolle des Mentors bei der Visionsentwicklung. „Wir helfen Leuten dabei Tore zu schießen!“, bringt es Monika Bylitza auf den Punkt.

Mentoring, die Arbeit im Verborgenen

Tobias Faix und Anke Wedekind gaben Einblicke in ihre Gemeindearbeit und zeigten auf, welche Fallstricke es auf dem Weg zu einer Mentoringkultur in einer Gemeinde geben kann. Es wurde deutlich, dass diese Arbeit zu den stillen und leisen in einer Gemeinde gehört und im Verborgenen stattfindet, die Auswirkungen aber nachhaltig sind und Mentoring das Konzept ist, um Mitarbeitende zu stärken und Gemeinde der Generationen zu bauen.

Es geht um mehr als Mentoring: Das Ganze sehen

Dass christliches Mentoring nicht Selbstzweck ist und einen Nischenplatz irgendwo zwischen Seelsorge und Gottesdienst einnimmt, das erklärte Stefan Pahl in seinem Abschlussvortrag. „Es geht darum, dass Gott Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Menschen hat und dass sein Rettungsplan, wie er diese Gemeinschaft wieder aufrichtet, in die Welt getragen wird. Darin ist christliches Mentoring eingebettet. Mentor und Mentee werden gesegnet, nicht als Selbstzweck, sondern zum Segen für die Menschen um sie herum“.
 

Zum Nachhören (mp3):

Mentoring-Kongress 2013

Der erste Mentoringkongress unter Beteiligung des cMn fand am 13. April 2013 in Marburg statt. 150 Teilnehmer trafen sich, um Mentoring in unterschiedlichen Facetten kennenzulernen, Erfahrungen zu teilen und sich zu vernetzen.

Zum Nachlesen und -hören:

Was das Marsmännchen sagen würde …

aus: Faix/Wiedekind. Praxisbuch Mentoring.
Neukirchener Verlag

In der systemischen Beratung wird die Haltung des Mentors gegenüber dem Mentee gelegentlich als die eines Marsmännchens beschrieben. Dieser Vergleich ist so schön und bildlich, dass er uns hier als Einstieg in das Beziehungsgeschehen und die Kommunikation zwischen Mentor und Mentee dienen soll:

Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Marsmännchen. Sie kommen auf diese Welt und alles ist Ihnen fremd. Das schreckt Sie nicht, im Gegenteil: Sie sind unglaublich neugierig und wissensdurstig. Sie kennen nur leider die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt überhaupt nicht, aber Sie wollen sie verstehen. Allein das Nachfragen hilft Ihnen zu verstehen. Also fragen Sie. Ohne Vorurteile. Ohne Hypothesen. Ohne Diagnosen. Sondern interessiert, manchmal erstaunt, manchmal humorvoll. Aber immer wohlwollend und bereit, sich auf einen offenen Verstehensprozess einzulassen, der auch Ihnen neue Erkenntnisse bringt.

Das Marsmännchen würde sich als Mentor folgende Haltungen zu eigen machen (Erläuterungen und Übung dazu im PDF):

  • Wertschätzung
  • Neugier
  • Innere Distanz
  • Humor
  • Auf Augenhöhe

Ganzen Text als PDF:
Was das Marsmännchen sagen würde (3 S.)

Kreative Umsetzung für den Start einer Mentoringbeziehung

aus: Faix/Wiedekind. Praxisbuch Mentoring.
Neukirchener Verlag

Im Zuge des ganzheitlichen Mentorings ist es wichtig, dass Mentoring nicht nur im kognitiven Bereich abläuft, sondern alle Lebensbereiche umfasst. Dies bedeutet, dass neben Gesprächen und Übungen auch gemeinsame Unternehmungen gestaltet werden können. Das kann ganz unterschiedlich aussehen, wie die gleich folgenden Praxistipps einer Gruppe von Mentorinnen und Mentoren zeigt. Diese ganzheitliche Vorgehensweise lässt das gegenseitige Vertrauen schneller wachsen und verkürzt beispielweise die Kennenlernphase.

Mentee und Mentor entdecken sich in verschiedenen Situationen in einer ganz anderen, bisher unbekannten Weise. Orts- und Themenwechsel zeigen dabei verschiedene Facetten von Charakter und Begabungen. Um Vertrauensbasis herzustellen und zu vertiefen, müssen emotionale Bereiche angesprochen werden, dies geschieht normalerweise über gemeinsame Erlebnisse. Im Erlebnis „beweisen“ sich sozusagen die Worte des Mentors.

Die zwei Tools (siehe PDF) sind klassische Hilfestellungen für die ersten Wochen einer Mentoringbeziehung. Sie helfen Mentor und Mentee einander besser kennenzulernen und zu verstehen und somit Vertrauen zu schaffen.

  • Tool 1: Collage
  • Tool 2: Ich finde gut an mir!?

Ganzen Text als PDF:
Tools für den Start einer Mentoringbeziehung (3 S.)

Ablauf und Bedeutung einer Mentoringbeziehung

aus: Faix/Wiedekind. Praxisbuch Mentoring.
Neukirchener Verlag

Die Beziehung zwischen Mentor und Mentee ist das absolut entscheidende. Dabei gilt der alte Werbesatz: „Vertrauen ist der Anfang von allem!“ Das heißt für das Mentoring, dass Mentoren ihr Hauptaugenmerk darauf legen müssen, dass die Beziehung zwischen Mentor und Mentee gelingt und durch Vertrauen, Wertschätzung und Annahme gekennzeichnet ist.

Plakativ gesagt: Wenn Sie Ihren Mentee nicht aus ganzem Herzen lieb haben, werden Sie ihm auch nicht weiterhelfen können. Die positive Beziehung sorgt dafür, dass der Mentee den Mut fasst, sich auf Veränderungen einzulassen, die immer Unsicherheiten erzeugen. Angst und Unsicherheit machen Menschen rigide und fest. Vertrauen und das Gefühl von Annahme dagegen öffnen Gedanken und Gefühle für Neues.

Praxisbeispiel:
Mentoring als getarntes Freundschaftsangebot?

Eine Mentorin aus unserer Gemeinde wurde von einer jungen Frau um Mentoring gebeten. Sehr schnell stellt sich heraus, dass die junge Frau kein Mentoring, sondern Freundschaft sucht. Sie hat in ihrem Leben sehr viele Zurückweisungen erfahren. Und die Mentorin ahnt aufgrund des Verhaltens der jungen Frau, warum andere Menschen sich zum Rückzug genötigt fühlen. Sie ist in hohem Maße vereinnahmend und fordernd und hat wenig Gespür für die Grenzen ihrer Mitmenschen. Die Mentorin fragt sich, ob sie dieses Mentoring-Verhältnis eingehen soll. Eigentlich ist ihre Erwartungshaltung an einen Mentoring-Prozess eine andere. Sie möchte Menschen fördern und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung voranbringen. Ihr Mentee gibt aber wenig Anlass zur Hoffnung, dass dies möglich ist.

Nach langem Überlegen sieht die Mentorin ihre Aufgabe in diesem Mentoring-Prozess: Sie möchte ihrem Mentee eine neue, heilende Beziehungserfahrung vermitteln, die die bisherigen negativen Erfahrungen relativiert. Sie gibt ihrem Mentee die Zusage, dass sie sie begleiten wird, aber eben nur auf Zeit und dass es in erster Linie Gott ist, der sie auf Dauer begleiten wird.

Was die Mentorin in diesem Zusammenhang verstanden hat war, dass sie etwas sehr Zentrales anbieten kann: ihre Beziehung. Das ist keine Technik, sondern spricht ein menschliches Grundbedürfnis an. Um sich vor Abhängigkeit zu schützen, möchte sie die Mentorenbeziehung transparent machen für die Liebe Gottes, damit der Mentee auch ohne sie, geborgen in Gottes Liebe, Beziehung leben kann.

Ganzen Text als PDF:
Ablauf und Bedeutung einer Mentoringbeziehung (3 S.)

Vorbereitung, Durchführung und Reflexion einer Mentoringsitzung

aus: Faix/Wiedekind. Praxisbuch Mentoring.
Neukirchener Verlag

Ich habe meiner Mentee die verschiedenen Stationen eines Mentoringprozesses geschildert, dabei aber betont, dass dies kein starres Model ist, sondern eine Mentoringbeziehung immer der Prozessorientierung unterliegt. Wir haben uns darauf verständigt, in der Phase des Kennenlernens Themen und Ziele für den weiteren Verlauf herauszuarbeiten.

Spielregeln / Rollenverständnis

    Drei Dinge waren mir an dieser Stelle wichtig:
  • Ich berate und reflektiere, wir entscheiden aber gemeinsam über den Verlauf des Prozesses.
  • Die Mentee trifft ihre Entscheidungen selbst, ich bleibe in der beratenden Rolle.
  • Jeder darf bezüglich der Themen und der Bearbeitung Grenzen setzen, ungewünschte Themen werden nicht bearbeitet.

Reflexion Sitzung 1
Das erste Treffen war zwar von vielen Formalien geprägt, aber es hat geholfen, ein gemeinsames Bild für den Prozess zu gestalten …

Ganzen Text als PDF:
Praxisbeispiel: Mentoringsitzung (3 S.)

Ende einer Mentoringbeziehung

aus: Faix/Wiedekind. Praxisbuch Mentoring.
Neukirchener Verlag

Wann kann eine Mentoringbeziehung zu Ende sein?

  • Das natürliche Ende: Wenn der Mentee über den Mentor hinauswächst oder man eine gemeinsame gute Zeit hat, aber einfach merkt, dass diese Zeit jetzt vorbei ist. Diese Prozesse laufen meist latent im Hintergrund und kommen durch die regelmäßige Reflexion ans Tageslicht.
  • Das unnatürliche Ende: Erwartungen wurden enttäuscht oder die Beziehung ist aufgrund besonderer Vorkommnisse kaputt gegangen. Wichtig ist, dass die Dinge geklärt werden und dann ein ordentlicher Abschluss gemacht wird.

Wenn eine Mentoringbeziehung langsam ausläuft, bleibt meist ein fader Beigeschmack. Dies ist unnötig und kann vermieden werden.

Praxisbeispiel: Kai
Kai ist 20 Jahre alt und macht gerade seinen Zivildienst …

Ganzen Text als PDF:
Praxisbeispiel: Ende einer Mentoringbeziehung (1 S.)

Fragen für Mentoren und Mentees

99 Mentoring-Fragen (PDF, 4 S.)
Fragen stehen im Mittelpunkt eines Mentoringgesprächs. Die Fragen hier dienen als Anregung und können und sollen durch eigene ergänzt werden.

Auswertung eines Mentorengesprächs (PDF, 1 S.)
Eine Liste von Fragen an den Mentor. Es ist gut, wenn man sich nach einem Gespräch Gedanken macht und sich selbst ein Stück weit in Frage stellt. Als Mentor möchte man seinem Mentee helfen, und dafür muss man auch an sich arbeiten.

Zwischenauswertung Mentoring (PDF, 1 S.)
Eine Liste von Fragen an den Mentee. Zum Beispiel danach, was sich verändert hat durch das Mentoring, wo ihre/seine Erwartungen noch nicht erfüllt wurden u.a.

Die häufigsten Schwierigkeiten

von Tobias Faix

Auch in einer Mentoringbeziehung kann es Schwierigkeiten und Probleme geben. Einige sollen hier kurz aufgezählt werden, die immer wieder vorkommen.

Einlassen auf den Mentee

Eine große Herausforderung für den Mentor ist es, sich auf den Mentee einzulassen, ihn zu fördern und zu helfen und nicht seine eigenen Vorstellungen durchzudrücken. Gerade wenn der Mentor eine starke Persönlichkeit ist, was ja wünschenswert ist, kann es dazu kommen, dass der Mentor zu dominant wird und der Mentee nur noch das macht, was der Mentor sagt. Das aber ist nicht der Sinn von Mentoring. Der Mentee soll sich frei entwickeln können und keinen Druck spüren. Als Mentor muss man immer wieder die richtige Balance zwischen Herausforderung und Zurückhaltung finden.

Falsche Erwartungen

Die falsche Erwartungshaltung von Mentoren an ihren Mentee ist ebenfalls ein Problem. Die geforderten Erwartungen können zu hoch sein, aber auch zu kurzfristig oder sich einfach mit den Erwartungen des Mentee nicht decken. Falsche Erwartungen bringen meistens Enttäuschungen mit sich und zerstören gewonnenes Vertrauen.

Als Mentor sollte man sich Gedanken über die eigenen Erwartungen und die seines Schützlings machen und darüber reden. Gedanken wie: „Jetzt muss er das doch kapieren!“ oder „Ich hätte das längst erkannt!“ sind die ersten Warnsignale für eine falsche Erwartungshaltung.

Ungewollter Egoismus

Gerade Mentoren, die in ihrem Beruf eine große Verantwortung haben, setzen sich leicht der Gefahr aus, in ihrer Mentoringbeziehung ungewollt egoistisch zu sein. Es muss nach ihren Vorstellungen laufen, nach ihrem Zeitplan und nach ihren Ideen. Natürlich nur um das Beste aus dem Mentee herauszuholen. Selbst wenn es so wäre, ist die Methode falsch. Mentoring lebt von einer gleichberechtigten Beziehung, die durch Egoismus, auch wenn er gut gemeint ist, gefährdet und zerstört werden kann.

Besserwisserei

Mentoring lebt davon, dass der Mentor sein Wissen, seine Erfahrung, seinen Glauben, seine Kompetenz an seinen Mentee weitergibt. Ein Mentor, der viel zum Weitergeben hat, kann in der Gefahr stehen, dass er auf alles eine fertige Antwort hat. Damit fordert er seinen Mentee nicht heraus, sondern hat einfach nur den Eindruck, alles besser zu wissen. Ziel ist es aber, dass der Mentee selbst auf Lösungen kommt und der Mentor ihn auf diesem Weg begleitet, herausfordert und hilft.

Zu lange Dauer

Zeitliche Begrenzung von Mentoringbeziehungen gibt es keine, aber ich stelle immer wieder fest, dass zu lange Beziehungen (über Jahre) sich auch totlaufen können. Man hat sich aufeinander eingeschliffen und es ist schön, sich zu treffen, aber es fehlt die Herausforderung und das Weiterkommen. Deshalb ist es wichtig, die Beziehung immer wieder ehrlich zu hinterfragen.

Kraftproben

Je nach Persönlichkeitstypen kann es innerhalb einer Mentoringbeziehung zu Kraftproben kommen, die nicht zu unterschätzen sind. Der Mentor möchte dem Mentee auf eine Art helfen, die dieser aber nicht möchte, dem Mentor ist der Mentee zu aufmüpfig oder der Mentee findet den Mentor zu stark. Dazu kommt, dass eine Mentorenbeziehung immer eine dynamische Beziehung ist, die sich entwickelt, deshalb kann es durchaus vorkommen, dass ein Mentee seinen Mentor in bestimmten Gebieten aufholt und einholt, was auch zu Spannungen führen kann.

Persönliche Eitelkeiten

Schwierig kann es werden, wenn man als Mentor seinem Mentee etwas Negatives sagen möchte. Es ist einem etwas aufgefallen, ein Charakterzug, eine Glaubensvorstellung oder einfach eine Verhaltensweise. Natürlich ist es wichtig, dass man so etwas in einer gutem Art mit einem guten Ton sagt, trotzdem ist sowohl Mentor als auch Mentee Mensch und es gibt kaum jemanden, der über Kritik begeistert ist. Auch wenn man darüber redet und der Mentee sagt, dass er kritisiert werden möchte, kann dies zu Verletzungen und gekränkten Eitelkeiten führen. Andersherum ist es natürlich genauso möglich. Deshalb ist es wichtig, dass eine Beziehung so offen wie möglich geführt wird und dass beide ihre Gefühle dem anderen mitteilen können.

Weitere Problemfelder

Keith Anderson und Randy Reese haben vier Gefahrenquellen für den geistlichen Mentor ausgemacht, die ich für bedenkenswert halte und auf die sich ein Mentor immer wieder hinterfragen lassen sollten:

  • Der „Messias-Komplex“: Ich halte es für meine Aufgabe, dich zu retten oder von den Kämpfen und Schmerzen deines Lebens zu befreien.
  • Die „Problemlöser-Mentalität“: Ich halte es für meine Rolle, dir zu sagen, was die richtigen Antworten sind oder dir einen Ausweg zu zeigen.
  • Das „Macher-Syndrom“: Ich halte es für meine Rolle, dich zu einem vorgegebenen Gebilde oder Produkt zu formen.
  • Der „Weisheits-Spender-Dünkel“: Ich glaube, dass ich jedes Mal, wenn ich mich mit meinem Mentee treffe, auf Verlangen Weisheiten von mir geben muss, denn ich bin eine Quelle der Weisheit und Wahrheit.
  • Der „Ich-habe-recht, weil-Gott-mich-leitet-Komplex“: Ich ‚als Mentor‘ habe einen direkten Draht zu Gott und kann dir seine Anweisungen direkt sagen, du brauchst sie nur noch umzusetzen!
     

Text als PDF:
Die häufigsten Schwierigkeiten (3 S.)

Kurzeinführung Mentoring

von Tobias Faix

Was ist Mentoring?

Der Begriff Mentoring kommt aus der griechischen Mythologie. Odysseus war auf dem Weg nach Troja und vertraute seinen Sohn Telemachos zu Hause seinem Freund Mentor mit den Worten an: „Erzähle ihm alles, was Du weißt!“ Mentor sollte für Telemachos der Begleiter, Führer, Berater und Erzieher sein. Jemand, der einen Lebensvorsprung hat, gibt diesen an einen Jüngeren weiter, damit der davon partizipieren kann.

Aber das Prinzip Mentoring ist noch älter und wir finden es schon im Alten Testament, wo Gott es nutzt, Menschen für seinen Dienst vorzubereiten. Josua wurde der Mentee von Mose und stand zwischen Mose und dem Volk. (2 Mose 32,15)

Auch im Neuen Testament gibt es das Prinzip Mentoring, zum Beispiel bei Jesus und seinen Jüngern — Barnabas und Paulus oder Paulus und Timotheus. Paulus beschreibt in 1 Kor 11,1, dass die Christen in Korinth seinem Beispiel folgen sollen. Sie sollen sich an ihm orientieren, ihm auf dem Weg mit Jesus folgen.

Gerade in unserer unsicheren Zeit, in denen es viel an Werten und Orientierung fehlt, suchen junge Christen erfahrenere Vorbilder, die sie ein Stück auf ihrem Leben begleiten. An denen sie sich orientieren können, ohne, dass diese ihnen vorschreiben was sie tun sollen. Mentoren sind wie Reisebegleiter auf dem Lebensweg, Berater und Helfer.

Was ist Mentoring konkret?

Mentoring ist ein Prozess, den Mentor und Mentee miteinander durchlaufen, dieser Prozess kann über Monate und Jahre gehen, er ist dynamisch und lebt von den Bedürfnissen des Mentees.

Dabei kann es ein, dass sich auch unterschiedliche Ebenen vermischen oder ganz andere Schwerpunkte von Mentor und Mentee festgelegt werden oder in der Mentoringbeziehung mit der Zeit entstehen. Es gibt für Mentoring keine festgelegten und für alle Zeitgültigen Abläufe und Strukturen. Mentoring ist ein individueller Wachstumsprozess, den Mentor und Mentee miteinander gestalten!

Eine mögliche Definition beschreibt Mentoring folgendermaßen: „Mentoring ist eine freiwillige und persönliche eins zu eins Beziehung, die sich je nach beteiligten Personen entwickelt. Jede Mentorenbeziehung ist unterschiedlich und kann verschiedene Teilaspekte abdecken. Dabei legen der Mentor und sein Mentee die Schwerpunkte ihrer Beziehung gemeinsam fest.“

Es kann in der Mentoringbeziehung verschiedene Phasen geben, und es können verschiedene Themen gemeinsam besprochen und durchlebt werden. Aber so dynamisch und unterschiedlich diese Phasen auch sind, so unterschiedet sich Mentoring doch von Coaching oder Seelsorge:

  • Mentoring hat einen förderungsorientierten Fokus
    Es wird prozessorientiert gearbeitet, ein Ziel kann sich verändern oder sogar erst später herausgearbeitet werden. Es geht um eine Förderung und Unterstützung eines Mentees in seinem grundsätzlichen Lebensentwurf: Begabung und Berufungen erkennen, Werte entwickeln und Gaben entdecken und freisetzen.
  • Coaching hat einen zielorientierten Fokus
    Coaching fragt: Was ist das Ziel? Wie ist der Ist-Zustand? Welche Handlungsalternativen gibt es, um das Ziel zu erreichen? Zu welchen praktischen Schritten ist der Mentee entschlossen? Welche konkreten Veränderungswünsche hat der Mentee?
  • Seelsorge hat einen problemorientierten Fokus
    Es kann punktuell gearbeitet werden. Es ist zeitlich unabhängig, kann auch einmalig sein. Es geht um konkrete Hilfestellung eines Problems. Ein Vertrauensverhältnis muss nicht aufgebaut werden.

Natürlich ist es möglich, dass es zwischen Mentoring, Coaching und Seelsorge Überschneidungen gibt, das ist besonders in einem Mentoringprozess durchaus möglich, umgekehrt eher selten.

Mentoring bedeutet immer Multiplikation.

Gerade erfahrenere Christen sollen ihren Glauben teilen — zum einen, um Gott dadurch zu ehren und zum anderen, um sein Reich weiter zu bauen. Paulus schreibt an seinen Mentee Timotheus: „Und was du von mirgehört hast vor vielen Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren“ (2 Tim 2,2). Ziel ist, dass die Erfahrungskette nicht abreißt. Der Mentor gibt sein Wissen und seine Erfahrung an seinen Mentee ab, der wächst im Glauben und Persönlichkeit und wird somit nach einer Zeit selbst zum Mentor.

In der Wirtschaft gibt es so etwas schon lange. Mentoring gibt es in fast allen großen Unternehmen und auch für junge Selbstständige gibt esein Netzwerk von ‚Business Angels‘. Ältere, erfahrene Geschäftsleute bieten hier ihre Erfahrung mit der Selbstständigkeit an, damit jüngere nicht dieselben Fehler machen, die sie vielleicht gemacht haben.

Wer kann Mentoring?

Für Mentoring braucht man erstmal keine besonderen Gaben oder Fähigkeiten, sondern zu allererst ein Herz für junge Menschen. Dann gibt es viele Hilfen, die einem Sicherheit geben, Bücher oder Mentoringkurse oder Gesprächsgruppen mit anderen, die auch Mentoren sind.

Einige Elemente können herausgestellt werden, die für einen Mentoringprozess wichtig sind: Vertrauen, Begleitung, Vermittlung und Zeit. Vielleicht fällt mir eine Person seit einiger Zeit in meiner Gemeinde auf oder Gott hat mir schon seit einiger Zeit eine Person aufs Herz gelegt. Das erste Gespräch ist das schwierigste, z.B. einen Jüngeren in der Gemeinde zu fragen, ob man sein Mentor sein kann, aber wenn diese Hürde genommen ist, wird es mit jedem Treffen reicher und schöner. Viele junge Christen sehnen sich danach und wünschen sich einen erfahrenen Mentor.


Ausführlichere Infos gibt es im Buch:
Faix/Wiedekind: „Mentoring – Das Praxisbuch: Ganzheitliche Begleitung von Glaube und Leben“, Neukirchener Verlag, Okt 2010

Text als PDF:
Kurzeinführung Mentoring (3 S.)